Knorriger Grummel mit Pfefferpistole

Wiesbadener Kurier 22.07.2015 von Julia Anderton


Regisseur Wolfgang Vielsack hat gut daran getan, sich für die Burgfestspiele Sonnenberg für eine altmodische Inszenierung zu entscheiden – und dies im besten Sinne: Die liebevolle Inszenierung bleibt ebenso wie Kostüme (Susanne Müller) und Bühnenbild (auch Wolfgang Vielsack) dicht am Original und lebt insbesondere durch die markanten Figurenzeichnungen. Der Kasperl von Oliver Wiedem ist ein pfiffiger Lausbub, der Omas Stricknadeln für ein Schlagzeugsolo auf dem Gartenzaun umfunktioniert und die treibende Kraft bei der Räuberjagd ist. Florian Gierlichs überzeugt mit bestechend tumber Mimik als nicht allzu heller, aber grundguter Kompagnon Seppl. Die beiden Freunde beim Rangeln um den Pflaumenkuchen zu beobachten und ihren ulkigen Namensverdrehern zu lauschen, macht generationsübergreifend Spaß, wie das beständige Gelächter im Publikum zeigt.
Patrick Twinems knorriger Räuber Hotzenplotz wirkt so authentisch, als wäre er direkt aus der Buchvorlage von Autor Otfried Preußler entstiegen: Gekonnt balanciert er zwischen bärbeißigem Grummel mit Pfefferpistole und jammerndem Häufchen Elend, wenn sich die angebliche Goldbeute als Kiste voller Sand herausstellt. Anne Wiese gibt sowohl die resolute Großmutter als auch die Fee Amaryllis, die Kasperl aus ihrer jahrelangen Verwandlung als pupsende Unke erlöst – den Gegensatz zwischen dem ätherisch-entrückten Zauberwesen und der altersschwachen Seniorin meistert sie so glaubhaft, dass den meisten kleinen Zuschauern nicht in den Sinn kommen dürfte, dass dieselbe Schauspielerin in den Kostümen steckt. Der Star der Produktion ist Horst Krebs. In seiner Doppelrolle als Alois Dimpflmoser und Zauberer Zwackelmann, der sich Seppl als geknechteten Dienstboten hält, verkörpert er zwei völlig konträr ausgelegte Charaktere: Als stoisch-bequemer Wachtmeister zeigt er eben noch null Leidenschaft für die Halunkenjagd, um einen Augenblick darauf als böser Zauberer mit Faible für Bratkartoffeln in Rumpelstilzchen-Manier über die Bühne zu wirbeln. Seine Zauberszenen sind originell gelöst, die Voodoo-Szene mit dem Räuber-Stiefel ein netter Gag. Aber den kräftigsten Szenenapplaus bekommt dann doch Räuber Hotzenplotz, als zu guter Letzt mithilfe eines Wunschringes seine Verwandlung in einen Gimpel rückgängig gemacht wird und er verdattert mit Vogelkäfig über dem Kopf in Richtung Gefängnis abgeführt wird. „Räuber Hotzenplotz“ ist für kleine Theaterfans ab vier Jahren absolut kindgerecht inszeniert, allerdings ohne das Risiko, dass erwachsene Begleitpersonen gelangweilt eindösen. Dazu ist der Unterhaltungswert des geschickt auf die Bühne transportierten Preußler-Charmes in dieser schelmischen Inszenierung schlicht zu groß. Langer Schlussapplaus

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