Wiesbaden im Mai 1901. Eine Stadt der Gegensätze. Einerseits das Nizza des Nordens mit reichen, russischen Kurgästen, adligen Immigranten und preußischen Beamten, andererseits die traditionell bäuerliche Bevölkerung, Handwerker und Arbeiter. Der berühmte Kurdirektor Ferdinand Hey´l lädt ein zum "Freundschaftsfest" in das Haus Obere Webergasse 43. Im Katzeloch, sozusagen an der Grenze vom noblen Kurviertel und historischen Fünfeck zum Arbeiterquartier treffen die Gegensätze dann in Form der reichen Capulets und der armen Montagues aufeinander.

Aber Moment, es ist ja gar nicht mehr der Kurdirektor Hey´l, klärt der zeitgenössisch kostümierte Amtsnachfolger Henning Wossidlo auf, der ist nämlich bereits 1897 gestorben. Große Heiterkeit im Innenhof des "Künstlerhaus43" und erste von vielen Überraschungen des Abends. Der "Herr Hey´l" heißt nämlich nun Otto Ebmeyer, ist anno 1901 seit vier Jahren Kurdirektor dieser Stadt und wird dereinst, 1907, das neue Kurhaus mit einem "Zu Gast bei Freunden-Fest" einweihen. Visionär ist er jedenfalls, der heute eher unbekannte Otto Ebmeyer. Er träumt nämlich bereits von "einem Verschlag für Kutschen unter dem Bowling Green". Und dass das BKA, die "Besondere Kadetten-Anstalt" dereinst Jagd auf Bösewichte machen werde. Es sind nicht die einzigen Anspielungen, die der Abend bereit hält.

WIESBADEN Die Familien Capulet und Montague, eigentlich verfeindet, laden zum Freundschaftsfest. Das geht bekanntlich, siehe die Shakespeare-Vorlage, in die Hosen. Die Gäste sind Teil des interaktiven, kulinarischen Theaterereignisses "Romeo & Julia" im Bergkirchenviertel.

Von
Birgit Emnet

Das "Freundschaftsfest" trägt seine Sollbruchstelle bereits in sich. Gerade traf man sich noch zum Kennenlernen beim Prosecco im malerischen Innenhof. Die 30 Capulets und die 60 Montagues, das spürt man gleich, sind sich trotz größter Anstrengung nicht wohl gesonnen. Also bricht ziemlich bald ein Streit aus. Eine Glasflasche wird auf einem Capulet-Kopf zertrümmert, die Gäste, die sich ja schon durch den Kauf von Eintrittskarten entweder für die "arme", aber lustige Variante (inklusive Zwei-Gänge-Arbeiteressen) im Krämerladen oder die vornehme, aber etwas steifere (drei Gänge an gedecktem Tisch in der Beletage) entschieden haben, werden fein säuberlich getrennt. Und von den Hofköchen lecker bekocht.

Doch Romeo und Julia haben sich ja schon gefunden, und so entfaltet sich Shakespeares Tragödie, die beide Gruppen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln erleben und die gar manche unerwartete Wendung bereithält. Während die Montagues bei Spundekäs mit Laugengebäck und Pellkartoffeln, Ochsenbrust und grüner Soße auf einfachen Bänken viel Spaß haben, der Klezmermusik des Duos "Terz" lauschen, entfaltet sich oben ein distinguiertes Tischgespräch bei Lachs an Spargel, Ochsensülze und Bärlauchsüppchen, Geschmortem vom Rind mit Kartoffelgratin und Erdbeertarte mit Balsamico. Jörg Meder spielt dazu passende Musik auf seiner Viola da gamba. Die Schauspieler essen mit oder servieren den Wein, die Zuschauer, teils passend gekleidet, sind mitten im Geschehen. Niemand weiß, wo die nächste Szene stattfindet. Versatzstücke des klassischen Shakespeare-Dramas setzen den Rahmen. Die Balkonszene, die gemeinsame Nacht des heimlichen Paares und auch das tragische Ende im historischen Versmaß.

Aber eben auch immer wieder Spontanes, Improvisiertes. Wie Wolfgang Vielsack vom "Künstlerhaus", der den Lorenz Capulet spielt und die Idee zu diesem Theaterereignis hatte, sagt, haben fast alle Schauspieler sowohl klassische, als auch Improvisationstheater-Erfahrung. Die Inszenierung sei an das "Titanic"-Motiv mit dem "Upper deck" und Lower deck" angelehnt. Aber weil dann doch niemand auf einem untergehenden Dampfer sitzt, treffen zum Schlusstableau wieder alle im Innenhof zusammen. Wie, das soll hier nicht verraten werden. Es lohnt sich allemal, es selbst zu erleben.

Pressespiegel